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Legendäre Vaterfigur wie Sepp Herberger

»Ruder-Professor« Karl Adam wäre heute 100 Jahre alt geworden

Karl Adam

Karl Adam beim Training des Deutschland-Achters 1972 auf der olympischen Regattastrecke von Feldmoching. Foto dpa

Ratzeburg. Philosoph, Revolutionär, Vaterfigur — Karl Adam gehört zu den wenigen Trainern in der „Hall of Fame“ des deutschen Sports. Zum 100. Geburtstag von Adam werden heute in Ratzeburg Erinnerungen an die bahnbrechenden Methoden des Querdenkers wach.

Auch in Zeiten wissenschaftlicher Perfektion im Spitzensport genießt der 1976 gestorbene „Ruder-Professor“ noch immer höchste Wertschätzung. „Adam war der Sepp Herberger des Rudersports. Er hat den Mythos Deutschland-Achter mitbegründet“, sagte der heutige AchterCoach Ralf Holtmeyer.

Wenige Jahre nach dem von Herberger initiierten „Wunder von Bern“ bei der Fußball-WM 1954 leitete Adam das „deutsche Ruder-Wunder“ („L’Equipe“) ein. Mit seinen ungewöhnlichen Trainingspraktiken und technischen Neuerungen sorgte er für Aufsehen — und reichlich Erfolge auf dem Wasser. Von ihm betreute Boote gewannen drei olympische Goldmedaillen, zwei Weltund fünf Europameisterschaften, insgesamt 29 Medaillen bei internationalen Großereignissen. Die Triumphe bei den Sommerspielen in Rom 1960 und Mexiko-Stadt 1968 bescherten dem Deutschland-Achter die Stellung als ein nationales Erfolgssymbol.

Sein auf einem Gedenkstein am Ratzeburger Küchensee verewigter Kernspruch „Die Struktur der Leistung ist auf allen Gebieten gleich“ passt zum Bild des akribischen Rationalisten. Dabei war ihm der Rudersport eigentlich fremd. Als Studienrat für Mathematik, Physik und Leibeserziehung wurde dem einstmals guten Boxer und Leichtathleten 1948 an der Lauenburger Gelehrtenschule die
Ruderriege zugeteilt. Jahre später avancierte das bis dahin völlig unbedeutende Ratzeburg zum „Mekka des Rudersports“.

Die Methoden und Erfindungen des selbsternannten „Schulmeisters“ weckten Interesse. Der am 2. Mai 1912 in Hagen geborene Adam hielt weltweit Vorträge und sorgte für einen Pilgerstrom von Trainern nach Ratzeburg. Freimütig berichtete er über seine Erfahrungen, die er bei der Übertragung des Intervalltrainings von der Leichtathletik auf das Rudern gesammelt hatte. Zudem dozierte er über die von ihm erfundenen verstellbaren Ausleger. Physikalische Untersuchungen inspirierten ihn zur Vergrößerung der Ruderblätter. Während des Winters trieb er seine Schützlinge zur bis dahin unbekannten Arbeit mit Hanteln an. „Sein wichtigstes Prinzip war, für alles offen zu sein. Ein stacheliger Typ, der viele Sachen infrage stellte“, urteilte Holtmeyer.

Schweiß und Intelligenz sollten sich bei Adam nicht ausschließen. Er setzte auf einen demokratischen Führungsstil und diskutierte mit seinen Schützlingen über Trainingspläne und Besatzungen. Wenn nötig, schlüpfte er aber auch in die Rolle des Schleifers, der den Konkurrenzkampf im Boot schürte. Das brachte ihm den Ruf als „Aggressionsmacher mit Flüstertüte“ ein.

Am 8. Juni 1976 starb der herzkranke Adam im Alter von 64 Jahren während eines Kuraufenthalts in Bad Salzuflen beim Jogging. Seinen einstigen Schützlingen wie den Kieler Brüdern Kraft und Frank Schepke diente er nicht nur als Trainer, sondern auch als Lehrer für das Leben. Eines seiner legendären Statements blieb seinen Ruderern besonders in Erinnerung: „Ein Olympiasieger, der es nicht versteht, seine Leistungsfähigkeit auf das Leben nach dem Sport zu übertragen, bleibt für mich ein Würstchen.“ dpa

Quelle: Kieler Nachrichten, 2. Mai 2012

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